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So überwinde ich meine Angst als Selbstständiger Familypreneur (+ Entscheidungsmatrix als Download)

Meine ersten Wochen als Familypreneur habe ich mir anders vorgestellt. Die erste Krise liess nicht lange auf sich warten. MEIN Projekt wollte ich aufgeben. Ich verspürte das erste Mal Angst als Selbstständiger vor dem Unbekannten, was vor mir lag. Es fühlte sich an wie eine nichtendende Talfahrt auf der Achterbahn.

Du kennst diese Erfahrung sicherlich. Jeder Selbstständige geht regelmässig durch solche Täler. Ich ermutige dich diesen Artikel weiter zu lesen, falls du dich ab und zu auch in einem Tal befindest oder du dich erst vor Kurzem auf den Weg in die Selbstständigkeit gemacht hast.

Die ersten Wochen als Familypreneur

Vor 4 Wochen habe ich meinen sicheren Angestellten-Job aufgegeben. Voller Motivation und Ideen stürzte ich auf MEIN Projekt. Ich machte mein Hobby-Projekt zur Berufung.

Zugegeben. Es ist ein grandioses Gefühl! Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich komplett selbst bestimmen, wohin die Reise geht. Kein Abstimmen mit einem Vorgesetzten, kein Verteidigen meiner Ideen und Taten. Ich bestimmte von nun an woran ich arbeite und wie ich Vertrieb und Marketing gestaltete.
Und das Beste für den Familypreneur: um 16 Uhr beende ich die Arbeit ohne schlechtes Gewissen und hole ich meine Kinder aus der Kita. Ich verbringe Zeit mit ihnen. Das ist Lebensqualität pur. So wie ich es mir vorgestellt hatte.

Alles in Butter? Nicht ganz! Die erste Krise als Nicht-Angestellter liess nicht lange auf sich warten. Gefühlt war gestern noch alles Friede, Freude, Eierkuchen und heute bricht die Welt zusammen. Innerhalb von wenigen Tagen ergab MEIN Projekt keinen Sinn mehr. Wichtige Einzelteile zerplatzten wie Seifenblasen und ich will MEIN Projekt beerdigen.

Mist! So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Die Angst als Selbstständiger

Da war ich also, in der ersten Krise. Sie erwischt früher oder später jeden. Niemand warnte mich davor; nirgends konnte ich darüber etwas lesen. In dieser Situation setzte auch das rationelle Denken aus. Und ich liess ausser acht, dass Phasen von hoher Motivation und Tatendrang zyklisch auftreten. Das heisst, Phasen der Demotivation und Ziellosigkeit folgen nach jedem Hoch. Ich befand mich auf der rasanten Talfahrt in der Achterbahn: Die Talfahrt wollte nicht enden. Es klappte und funktionierte nichts mehr. Mein Kopf war leer. Alles, was ich bisher getan hatte, ergab keinen Sinn.

Phasen der Demotivation und Ziellosigkeit folgen nach den Hochs

Angst kam auf, wenn ich in das Ungewisse schaute, was vor mir lag. Die Ungewissheit nagte an mir: Wann wirft das Projekt Geld ab? Bringt es überhaupt Geld? In den Gedanken gefangen, stellte ich mir die Frage: Wie ernähre ich meine Familie? Wie kann ich die Wohnung bezahlen. Bis vor Kurzem war das Gehalt pünktlich am Ende des Monat auf meinem Konto. Jetzt nicht mehr.

Was sollte ich tun. Mein Projekt aufgeben? Mich einem anderen Projekt widmen? Beratungstätigkeit aufnehmen? Einen Teilzeitjob suchen?

Das sind alles Optionen, die zu dem Zeitpunkt erfolgsversprechender schienen als MEIN Projekt. Ich erkannte, dass Geld mein Antreiber war (was denn sonst?!). Dann erinnerte ich mich an ein Zitat aus dem Buch Die 4-Stunden-Woche. Die Angst definieren heisst, die Angst überwinden.

Ich musste also definieren, wovor ich Angst hatte. Dem Unbekannten einen Namen geben. Es folgten drei Schritte, um wieder klar denken zu können und den einzelnen Baum vor lauter Wald wieder zu sehen.

angst als selbstständiger

Nach jedem Hoch folgt ein Tal. Die Frage ist nur wie lange die Talfahrt anhält (Bild: Pixabay)

Die Angst definieren

1. Ich fing an die Angst in Sätze zu formulieren. Ich nahm ein Blatt und Stift und schrieb alles auf, was mir gerade in den Sinn kam. Dann passierte etwas Komisches. Beim Schreiben formten sich Fragen. Woher kommt das Geld? Wie kann ich die Krankenkasse und die Versicherung bezahlen? Woher bekomme ich Kunden? Was ist, wenn das alles nicht klappt?

2. Dann nahm ich einen roten Stift und lass mir das Geschriebene nochmals durch. Ich markierte die Fragen und übertrug sie auf ein separates Blatt. Im nächsten Schritt ging es um das Finden von Lösungsoptionen zu den Fragen.

3. Dieser Teil macht besonders viel Spass. Hier sind der Fantasie und Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt. Umso Ausgefallener die Optionen desto besser. Zu jeder aufgeschriebenen Frage notierte ich mir Lösungsoptionen. Auch hier gilt: Nicht lange nachdenken. Schreiben! Zur Frage, woher das Geld kommt, fielen mir auf Anhieb neun Sachen ein.

Wenn dir zu einigen Fragen keine (passende) Antwort einfällt, wähle den Telefonjoker! Rufe jemanden an. Einen Freund, Bekannten und Sparringpartner. Nutze dein persönliches Netzwerk. Oder lass dies bei der nächsten Mastermind-Runde das Hot-Topic sein. Ich bin immer wieder überrascht, wie einfach die Antworten und Lösungen sind. Aber alleine im eigenen Sumpf sitzend, kommt man nicht darauf.

Opportunity often comes disguised in the form of misfortune, or temporary defeat
– Napoleon Hill

Die Stossrichtung definieren

Wieder auf dem Boden der Tatsachen zurück, musste ich jetzt die Richtung definieren:  Mit welcher Tätigkeit bestreite ich den Lebensunterhalt? Zur Erinnerung: MEIN Projekt hat die Krise ausgelöst und ich sah in den anderen Projekten tausend Mal mehr Potential.

Die Entscheidungsmatrix als unterschätztes Werkzeug

Ich musste jetzt die neun potentiellen „Projekte“, welche ich als Lösungsoption gefunden habe, bewerten. Das schreit förmlich nach meinem Lieblingswerkzeug, der Entscheidungsmatrix! Die Vorlage kannst du hier downloaden:

Downloaden

 

Jede einzelne Geschäftsidee bewertete mit Punkten nach bestimmten Kriterien wie Erfolgsaussichten, aktueller Stand, Rentabilität, Skalierbarkeit, unternehmerische Freiheit, Konkurrenzsituation, etc.

Nachdem ich die Punkte zusammengezählt hatte, schlug mir die erste Überraschung ins Gesicht. Mein Favorit einen Teilzeitjob erhielt die wenigsten Punkte. Schlechter war nur die Idee in einem Restaurant arbeiten.

Der sehr überraschende Gewinner

Noch mehr überraschte mich welche Geschäftsidee nach Punkten gewann. Ich hatte versucht meine subjektive Beurteilung zu eliminieren und mit objektiven Entscheidungskriterien ein Ergebnis zu erhalten. War ich so in meinen Gefühlen und der subjektiven Betrachtung gefangen, dass ich das Naheliegenste nicht mehr sah?! Ich sass also mitten im Dschungel, direkt vor mir ein dicker Baumstamm. Ich wollte den Baum hochklettern, anstatt einen Schritt zurücktreten. Ich erkannte nicht den Weg links und rechts vom Baum, welcher unbeschwerter zu gehen war.

Die rationale Entscheidung sah ich nun auf dem Blatt stehen. Es war Mein Projekt, welches ich einstampfen wollte. Wie man sich doch täuschen kann.

Die Achterbahn und meine Angst als Selbstständiger

Ich erkannte, dass Angst mein rationales Denken beeinflusst. Angst aktiviert den automatischen Flucht-Modus. Ich  wollte nur schnell wie möglich weg von der Gefahr und fand mich in den gewohnten Mustern wieder. Die Angst ist ein Schutzmechanismus, welcher unser Überleben über Jahrtausende sicherte. Ich musste lernen, eine unmittelbare Gefahr zu erkennen und darauf zu reagieren. Es lohnt sich die Angst genauer zu ergründen und zu definieren.

Wenn ich heute in das Unbekannte schaue, verspüre ich Angst. Es ist wie beim Besteigen einer Achterbahn: Das mulmigen Gefühl im Bauch. Angst vor dem Unbekannten was mich erwartet. Ich weiss, dass es Berg- und Talfahrten geben wird, ich weiss aber nicht wann und wie lange sie dauern. Aber dennoch steige ich ein, weil genau dieser Nervenkitzel eine Achterbahn ausmacht. Und so werde ich die nächste Herausforderung nehmen: Wie eine Achterbahnfahrt auf dem Rummelplatz. Denn das Gefühl nach der Fahrt ist bombastig. Ich steige mit weichen Knien aus mit einem überwältigendem Gefühl von Freude.

Die Angst ist verschwunden!

Beste Grüsse,

-Dominic

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  • Thies Eggers

    Mutiger Soul-Striptease. Sollte jeder aufschreiben und teilen und wissen dass er nicht allein ist. Wird anderen Gründern sehr helfen!

    • http://www.gruenderbook.de/ Dominic Franck

      Danke Thies. Da ist die USA einen Schritt weiter als wir in Germany. Dort wird über dieses Thema offen geschrieben und gesprochen.

      • Oliver Falk

        Hey Dominic,
        bin auch sehr beeindruckt. Sowas dürfte noch häufiger vorkommen und ich finde die Beschreibung, wie Du es systematisch angegangen bist gut. Kann mich gar nicht mehr erinner, dies bei Tim gelesen zu haben, aber ist ja auch schon ein paar Tage her…
        Was mir jetzt noch ein wenig gefehlt hat war die Auflösung: also was hast Du denn nun als Lösung?
        Grüße
        Oli

        • http://www.gruenderbook.de/ Dominic Franck

          Lieber Oliver, danke dir.
          Das hoffe ich auch, dass bald hier in Europa mehr über solche Themen gesprochen und geschrieben wird.
          Fairwindel hat gewonnen. Hör dir die Podcast-Episode 15 an, da gehe ich mehr darauf ein.

  • http://web-und-die-welt.de/ Rathes Sachchithananthan

    Danke für den Beitrag! Gerade am Anfang hat jeder mal so eine Phase, wo man denkt, dass man alles aufgeben sollte und was anderes machen sollte. Aber nicht nur am Anfang. Ich hatte dieses Jahr nach 9 Jahren auch mal wieder son Ding, wo ich komplett aus dem digitalen Geschäft raus wollte … Dranzubleiben, ist nicht immer einfach.

    • http://www.gruenderbook.de/ Dominic Franck

      Die Angst ist nicht unbedingt schlecht. Sie zwingt uns den Status quo zu überdenken. Vielleicht hast du bei deinen Überlegungen ein neue Idee, resp. Ausrichtung gefunden?

      • http://web-und-die-welt.de/ Rathes Sachchithananthan

        Ich hab viel mehr die Bestätigung gefunden, dass ich bisher alles richtig gemacht habe. War nämlich zwischenzeitlich angestellt und habe nach wenigen Monaten gemerkt, dass das nichts für mich ist …

  • Nadia Thiel

    Wow. Ich ziehe meinen Hut. Nicht nur, dass Du Dich aktiv mit Deiner Angst auseinander setzt, anstatt in blinden Aktionismus zu verfallen, hast Du noch die Courage, Dich öffentlich dazu zu bekennen und dazu noch hilfreiche Tipps für andere bereit zu stellen. Menschen wie Dich trifft man selten an und erachte ich persönlich als wertvolle Bereicherung des sozialen Umfeldes.
    Meiner Ansicht nach wird das Thema Angst, eigentlich der ganze Komplex rund um Angststörungen, Depressionen, Panikstörungen usw., viel zu wenig berücksichigt, allgemein in der Gesellschaft, aber ganz besonders unter Unternehmern, weil es da insbesondere um das „auf dicke Hose machen“ (zumindest hier im Frankfurter Raum, vielleicht ist das in anderen Regionen anders?) geht. Ich glaube, den wenigsten, die versuchen ihre Angst zu überspielen, ist bewusst, dass sie sie unterschwellig ausstrahlen (es gibt da so Pheromone…) und im Endeffekt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in Gang setzen.
    Ich selbst hatte mich die letzten Jahre durch diese Angst des Selbständigen gekämpft und hatte lauter Menschen um mich, die nicht verstanden, wovon ich sprach. Ich hörte „Mach Dir keinen Kopf“, „Wird schon gutgehen“, aber meine Angst verstand diese wohlmeinenden Sätze nicht. Letztendlich habe ich, genau wie Du, die Angst hinter mir lassen können, als ich sie definieren konnte und mich vom „ich weiß nicht weiter“ zum „nächster Schritt: “ entwickelte.
    Du triffst hier sicher bei vielen einen Nerv. Danke für diesen außerordentlich lesenswerten Artikel.

    • http://www.gruenderbook.de/ Dominic Franck

      Liebe Nadia, vielen Dank für deinen tollen Kommentar und deine Gedanken.
      Ich habe lange überlegt, ob ich den Artikel veröffentliche. Ich sehe jetzt, dass meine Entscheidung gut war. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen, auch wenn es die Erkenntnis ist, dass es noch andere da draussen gibt, in der ähnlichen Situation.
      Nicht nur in Frankfurt wird „auf dicke Hose gemacht“. Das fängt in Berlin schon ganz früh an. Schau nur in die einschlägigen Startup-Newsseiten.
      Zum Erfolg gehört ein Stückweit die Angst und Fehler dazu. Ohne Licht kein Schatten (und umgekehrt) . Es gibt auch keine Übernacht-Erfolge, wie das immer dargestellt wird. Es ist harte Arbeit.
      Ach, du hast auch so viele Ideen? ;)

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About Dominic

Dominic Franck ist Unternehmer und baut das Unternehmen Fairwindel auf. Er schreibt hier über seine Erfahrungen mit dem eigenen Unternehmen und die Vereinbarkeit mit der Familie. Um die finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, arbeitet Dominic an seiner finanziellen Bildung.